Dienstag, 1. Januar 2013

Erwartungsbrimbamborium

Es ist schon immer als seltsam bezeichnet worden; das Leben mit den Erwartungen anderer.

Bezeichnend auch ist, dass Menschen im allgemeinen kaum damit klar kommen, wenn sie ernst genommen werden. Schier unmenschlich wird es, wenn die sehnsuchtsvollen Träumereien nach Freiheit gänzlich erfüllt werden und jede Gelegenheit beweist, dass es wirklich und absolut nur von ihnen selbst abhängt, was und wie sie entscheiden und das jede ihrer Entscheidungen, so unwahrscheinlich sie auch sein mögen, als Entscheidungen eines autonomen Wesens anerkannt und respektiert werden. Was ab und an die natürliche Konsequenz zur Folge hat, dass nicht jeder Aktion eine Reaktion folgt. Dies nun weckt im besonderen Maße die wunderlichsten Gedankengänge und bildet auf groteske Art ein allzu menschliches Phänomen. Die Orientierungslosigkeit!

In der Tat kann man die Freiheit des Willens als Konzept des menschlichen Geistes und seiner Autonomie besonders in Beziehungen kennen lernen. In dieser Hinsicht könnten Menschen wirklich machtvolle Wesen sein und ganz und gar bewusst darüber werden, dass nicht jedes Naturgesetz beständig bewiesen werden muss. Besonders das von Ursache und Wirkung.

Doch die Evolution hat in unseren Gehirnwindungen so manchen Entwicklungsprozess nicht recht abschließen können. Wahrscheinlich hatte sie keine Zeit für solche Kleinigkeiten, immerhin galt es ja eines der intelligentesten und sozialsten Lebewesen am Leben zu halten. Man muss wissen, dass die Wahrscheinlichkeit zum Homo Sapiens zu werden bei circa 2 Prozent lag. Oder waren es gar 0,2? Nun ja, vollkommen egal, es ist ja so oder so irre wenig.

Die Annahme, jeder sei ein für sich selbst entscheidendes Wesen, wird um so delikater, je intensiver die Beziehung ist. Je nach dem eben, ob es eine Liebesbeziehung, eine Freundschaftliche oder eine Geschäftliche ist, gedeihen bestimmte Erwartungen. Eine ungefragt selbstverständliche Erwartung ist, dass der Partner eben etwas erwartet, was herauszubekommen die gebotene Tugend und Pflicht in jeder Art von Beziehung ist. Es spielt keine Rolle ob man die Regeln verstanden hat. Oder ob man sie als veraltetes Konzept längst über Bord geschmissen hat. Oder ob man meint, dass jeder locker mit sich selbst klar kommen müsse. Diese Annahme unabgeschlossener Gehirnwindungen erklärt auf trügerischste, höchst subjektive Weise, das alle Menschen unglaublich liebe Wesen sind, deren soziale Entwicklung schon immer darauf angewiesen war herauszufinden, was der andere denkt oder womöglich denken könnte. Es galt ja, so die seltsame Beweiskette, Gedankenkonstrukte des Gegenübers zu erraten, um sich nicht der Gefahr auszusetzen plötzlich vollkommen verlassen und allein mitten in der prähistorischen Pampa zu stehen. Eigentlich ist es ja der klare Beweis dafür, dass der Mensch nicht im entferntesten wirklich lieb oder sozial oder beides ist. Wäre dem so, wären solche Überlegungen ja vollkommen nutzlos und somit nicht einmal annähernd gedacht worden. Niemand hätte sich die Frage stellen müssen, ob das, was der andere denkt, irgendwelche Konsequenzen hätte. Man müsste auch nicht so einen „Bimbamborium“ um Beziehungen und ihren Status machen. Was seinerseits die Gehirnwindungen für solche Art von Gedanken ganz und gar überflüssig macht. Die Dinger hätte es nie gegeben. Aber sie sind eben da und in den meisten Fällen höchst aktiv.

Liebst Du mich noch? Willst Du mich noch? Gefalle ich Dir? Gefällt Dir, wie wir leben? Willst Du überhaupt was in Deinem Leben erreichen? Haben wir eine Zukunft? Was machen wir zum Abendbrot? Was soll ich einkaufen? Was soll ich anziehen? Soll ich die Tube Zahnpasta zuschrauben?

Werden alle diese Fragen konsequent im Sinne der vollkommenen Freiheit beantwortet, folgt das unglaubliche Desaster sozialer Verwirrtheiten und Orientierungslosigkeit. Man nimmt ihnen einfach das, wonach sie sich richten und schon immer gerichtet haben.

„Ob ich Dich noch liebe? Ja, wenn Du willst. Was wir heute Abend essen? Was Dir eben schmeckt, ich esse ja auch was mir schmeckt. Und natürlich kannst Du die Tube auch offen liegen lassen. Wenn´s mich stört, mach ich die allein zu. Ich kann das.“


Nach mehreren solcher Antworten trudelt so manche soziale Intelligenz frustriert um einen herum, in der Hoffnung doch noch eine irgendwie geartete Sinnfindung durch den Partner zu bekommen und tut man dann nichts in dieser Hinsicht, steht man plötzlich vollkommen verlassen und allein in der modernen Pampa herum.